Siliermittel gezielt einsetzen: Welches Werkzeug passt zu welchem Risiko?

Nicht das Produkt, sondern das Risiko steht am Anfang

Siliermittel können den Gärverlauf gezielt unterstützen, unerwünschte Mikroorganismen begrenzen oder die Stabilität der Silage nach dem Öffnen verbessern. Entscheidend ist jedoch, dass das Mittel zur konkreten Ausgangssituation und zur gewünschten Wirkung passt.

Ein Siliermittel ersetzt weder den richtigen Erntezeitpunkt noch sauberes Erntegut, ausreichende Verdichtung, schnellen Sauerstoffabschluss oder einen angemessenen Vorschub bei der Entnahme. Fehler in diesen Bereichen lassen sich durch eine höhere Dosierung nicht zuverlässig ausgleichen.

Die erste Frage lautet deshalb nicht: „Welches Produkt sollen wir einsetzen?“, sondern: „Welches Risiko soll kontrolliert werden?“

Die erforderliche Wirkungsrichtung bestimmen

Die DLG unterscheidet Siliermittel nach nachgewiesenen Wirkungsrichtungen. Dazu gehören insbesondere:

  • Verbesserung des Gärverlaufs bei unterschiedlich schwer silierbarem Futter
  • Verbesserung der aeroben Stabilität, also der Haltbarkeit unter Lufteinfluss
  • Begrenzung der Vermehrung von Clostridien
  • weitere spezifische Wirkungen, sofern sie für das jeweilige Mittel nachgewiesen wurden

Diese Unterscheidung ist wichtig: Ein Mittel, das eine schnelle Ansäuerung unterstützt, ist nicht automatisch die beste Lösung gegen Nacherwärmung. Umgekehrt muss ein Mittel zur Verbesserung der aeroben Stabilität nicht für jedes nasse oder schwer vergärbare Ausgangsmaterial geeignet sein.

Eine EU-Zulassung und ein unabhängiger Wirkungsnachweis sind ebenfalls nicht dasselbe. Die Zulassung regelt, ob und unter welchen Bedingungen ein Zusatzstoff verwendet werden darf. Ein zusätzlicher Prüfnachweis bezieht sich dagegen auf eine bestimmte Wirkung und einen definierten Einsatzbereich.

Biologische Siliermittel: den Gärverlauf gezielt steuern

Biologische Siliermittel enthalten ausgewählte Milchsäurebakterien. Ihre Eigenschaften unterscheiden sich je nach Bakterienkultur.

Homofermentative Milchsäurebakterien wandeln vergärbaren Zucker überwiegend in Milchsäure um. Unter geeigneten Bedingungen kann dadurch der pH-Wert schneller sinken und der gewünschte Gärverlauf unterstützt werden. Im Vordergrund steht dabei die kontrollierte Ansäuerung. Eine bessere Stabilität nach dem Öffnen des Silos ergibt sich daraus jedoch nicht automatisch.

Heterofermentative Kulturen bilden zusätzlich andere Stoffwechselprodukte, die das Wachstum von Hefen begrenzen können. Dadurch können sie bei passender Auswahl und Anwendung die aerobe Stabilität unterstützen. Das ist vor allem bei Silagen interessant, die nach dem Öffnen zu Nacherwärmung neigen.

Die Wirkung hängt unter anderem von Futterart, Trockenmasse, Zuckergehalt, Bakterienstamm, Dosierung, Verteilung und Lagerdauer ab. Gerade bei biologischen Mitteln müssen auch Vorgaben zur Wasserqualität, Temperatur, Haltbarkeit der angesetzten Lösung und erforderlichen Gärdauer beachtet werden.

Chemische Siliermittel: direkte Wirkung bei erhöhtem Risiko

Chemische Siliermittel bestehen häufig aus organischen Säuren, deren Salzen oder abgestimmten Kombinationen. Je nach Zusammensetzung können sie die Ansäuerung unterstützen oder unerwünschte Bakterien, Hefen und Schimmelpilze begrenzen.

Solche Lösungen können insbesondere bei schwierig vergärbarem, feuchtem, stark gepuffertem oder verschmutzungsgefährdetem Material sinnvoll sein. Auch bei sehr trockenem und schlecht verdichtbarem Erntegut oder bei einem ausgeprägten Risiko für Nacherwärmung können geeignete chemische Lösungen infrage kommen.

Nicht jede Zusammensetzung besitzt jedoch die gleiche Wirkung. Entscheidend sind der konkrete Wirkstoffaufbau, der zugelassene Einsatzbereich, die vorgeschriebene Aufwandmenge und eine gleichmäßige Verteilung im Siliergut.

Bei der Anwendung müssen Etikett, Sicherheitsdatenblatt, Materialverträglichkeit und persönliche Schutzmaßnahmen beachtet werden. Eine eigenständige Veränderung der Dosierung oder Mischung ist zu vermeiden.

Typische Ausgangssituationen richtig einordnen

Folgende Zuordnung kann als erste Orientierung dienen:

  • Bei feuchtem, zuckerarmem oder schwer vergärbarem Material steht häufig die Unterstützung des Gärverlaufs im Vordergrund.
  • Bei Mais, Ganzpflanzensilage, trockenerem Material, geringer Entnahmeleistung oder wiederkehrender Nacherwärmung ist meist die aerobe Stabilität das zentrale Ziel.
  • Bei erhöhtem Risiko für Fehlgärungen oder Clostridien muss ein Mittel mit entsprechend nachgewiesener Wirkungsrichtung gewählt werden.
  • Bei sehr trockenem und schlecht verdichtbarem Material können biologische Systeme an Grenzen stoßen. Hier ist eine für diese Bedingungen geprüfte chemische Lösung häufig die robustere Möglichkeit.
  • Soll ein Silo früh geöffnet werden, darf nur ein ausdrücklich für eine verkürzte Lagerdauer geeignetes Mittel eingesetzt werden. Andernfalls bleibt eine ausreichende Gärzeit erforderlich.

Diese Einordnung ersetzt keine betriebs- und produktspezifische Bewertung.

Dosierung und Verteilung entscheiden mit

Der gewünschte Effekt kann nur erreicht werden, wenn das Mittel entsprechend seiner Zulassung und den Produktangaben dosiert wird. Die Dosiereinrichtung sollte vor der Ernte kontrolliert, kalibriert und auf den tatsächlichen Materialdurchsatz abgestimmt werden.

Ebenso wichtig ist eine möglichst gleichmäßige Verteilung im gesamten Siliergut. Eine korrekte Gesamtmenge reicht nicht aus, wenn einzelne Bereiche unterdosiert oder gar nicht behandelt werden.

Bei wiederkehrender Nacherwärmung sollte nicht einfach die Dosierung erhöht werden. Zuerst müssen Verdichtung, Folienzustand, Randschutz, Anschnittfläche, Entnahmehygiene und täglicher Vorschub überprüft werden.

Entscheidend sind die Gesamtverluste

Die Wirkung eines Siliermittels sollte nicht nur anhand einzelner Werte im geschlossenen Silo beurteilt werden. Ein Verfahren kann während der Gärung geringe zusätzliche Verluste verursachen, gleichzeitig aber Verluste nach dem Öffnen durch eine bessere aerobe Stabilität begrenzen.

Maßgeblich ist deshalb die gesamte Prozesskette von der Ernte bis zur Verfütterung. Das Ziel besteht nicht im niedrigsten Einzelwert, sondern in möglichst geringen Gesamtverlusten bei stabiler und hygienisch einwandfreier Silage.

Fazit: Erst analysieren, dann auswählen

Siliermittel sind keine universelle Versicherung gegen Fehler bei der Futterkonservierung. Richtig ausgewählt und fachgerecht angewendet können sie jedoch ein wichtiges Werkzeug sein, um den Gärverlauf zu unterstützen, unerwünschte Mikroorganismen zu begrenzen oder die aerobe Stabilität zu verbessern.

Die Auswahl sollte anhand von Futterart, Trockenmasse, Verschmutzungsrisiko, Verdichtbarkeit, geplanter Lagerdauer, Silotyp und späterem Vorschub erfolgen. Erst daraus ergibt sich die passende Wirkungsrichtung und anschließend die geeignete biologische oder chemische Lösung.

AGRO‑NEX® unterstützt landwirtschaftliche Betriebe und Lohnunternehmen bei der Einordnung der Ausgangssituation und bei der Auswahl eines geeigneten Anwendungskonzepts.

Fachlicher Hinweis: Dieser Beitrag vermittelt allgemeine fachliche Orientierung und ersetzt keine betriebsindividuelle Fütterungs-, Tiergesundheits- oder Produktberatung. Es dürfen ausschließlich zugelassene Mittel entsprechend Kennzeichnung und Herstelleranleitung eingesetzt werden. Eine bestimmte Silagequalität, Haltbarkeit oder wirtschaftliche Wirkung kann nicht garantiert werden.

Weiterführende fachliche Grundlagen: